Weihnachten mit Tucholsky

Weihnachten

So steh ich nun vor deutschen Trümmern

und sing mir still mein Weihnachtslied.

Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,

was weit in aller Welt geschieht.

Die ist den andern. Uns die Klage.

Ich summe leis, ich merk es kaum,

die Weise meiner Jugendtage:

O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre

und käm in dies Brimborium

– bei Deutschen fruchtet keine Lehre –

weiß Gott! ich kehrte wieder um.

Das letzte Brotkorn geht zur Neige.

Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum.

Ich hing sie gern in deine Zweige,

o Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:

Wer ist an all dem Jammer schuld?

Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?

Uns Deutsche mit der Lammsgeduld?

Die leiden nicht. Die warten bieder.

Ich träume meinen alten Traum:

Schlag, Volk, den Kastendünkel nieder!

Glaub diesen Burschen nie, nie wieder!

Dann sing du frei die Weihnachtslieder:

O Tannebaum! O Tannebaum!

  • · Kaspar Hauser
    Die Weltbühne, 19.12.1918
  • Was könnte aktueller sein und dem hinzuzufügen?

Aktueller geht es nicht in diesen Zeiten, nicht in unseren Breiten

War es jemals anders? Das 11. Gebot ward kaum geboren

– da hat es Moses auf seinem steilen Bergabstieg wohl verloren.

In Stein gemeißelt stand: du sollst lenken und selbst denken

Draus wurde ein hölzern´verirren, verdrehen und verrenken

Nein, man soll, man darf nicht alles glauben, was die Leute sagen,

lass dir nicht einreden, was und wer du bist, lass die anderen klagen.

Aber sind wir wirklich besser, als jene, von denen Tucholsky spricht?

Lämmer hier und Schlachter dort, die Welt zerfällt in Geld und hält

doch immer nur, was man daraus macht – Macht der Gierigen, der Schweiger

Die im Hintergrund die Fäden ziehen, drehen an des Uhren virtuellen Zeiger

Die Tropen und die Meere, die hätten Weihnachten nötig gar bitterlich

Wir kaufen und ersaufen sie im Galopp, kein Don Quichote der da ritterlich

Einsteht für den Kampf mit Windmühlen, getarnt als Killer-Viren

Aber so lange Dummheit und Furcht regieren, darf man sich konservieren

die frommen Wünsche, den Mut und die Lust auf Leben, den Salat

Glyphosphat scheint zu schad für die Saat, Rat zu teuer für die Tat.

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