Prostitution als Menetekel

„Und so ist nun die Kunst die einzige geistige Domäne, in welcher der Mensch sagen könnte: »Ich werde glauben, wenn ich will, und wenn ich nicht will, werd‘ ich nicht mehr glauben.“ (Baudelaire)

Baudelaire gilt zurecht als Provokateur, zudem als höchst widersprüchlich von paradoxaler Logik. Als Vertreter der Moderne – ein Begriff, der keine Epoche bezeichnet, sondern eine Zäsur und sich zudem sets neu generiert – ist er ein Repräsentant für die Kunst, die sich selbst genügt. Mindestens drei Errungenschaften, ja Durchbrüche, verdanken wir ihm: erstens das Konzept der Synästhesie, nicht nur bezogen auf die interdisziplinäre Verknüfpung von Malerei, Musik und Poesie (Dreiklang) oder der poetischen Amalgierung der fünf Sinne, sondern auch bezogen auf die intrinsische Verbindung von Anschauung und Intellekt, Sinn und Sinnlichkeit. Dies soll wie auch die beiden anderen Spezifika Baudelaires über die Reflexion der Prostitution Verdeutlichung finden, denn sie verbindet Spleen und Ideal, Sinn und Geist.

Der zweite Punkt, in dem Baudelaire langfristig wirkte, betrifft die Ästhetik selbst. Vordergründig geschieht das mit der Signatur von Säkularisierung, der Loslösung aller ethischen Aspekte wie Sittlichkeit, Pädagogik und Moral aus der Kunst, die autonom nur sich selbst verpflichtet ist. Gleichzeitig entzieht er sie damit der zeitgemäßen und auch heute noch stattfindenden Vereinnahmung durch die Politik oder Religion, und macht die Kunst frei. Schönheit genügt sich zweckfrei selbst. Paradoxerweise wird so ein apolitisches Urteil doch zu einem politischen Statement. Auch dafür erscheint der Begriff der Prostitution exemplarisch.

Die dritte Innovation betrifft die Auratisierung des Augenblicks (Kairos anstelle von Kronos); die „Katastrophe in Permanenz“ (Benjamin), die Subjektivität des Objektiven, die Apologie des Zufalls. Zwar stammt das Credo Schönheit ist, wenn Regenschirm und Nähmaschine sich auf einen Seziertisch begegnen von Lautréamont, einem seiner ersten Bewunderer, doch die Essenz ist Baudelaire entlehnt, der u. a. sinngemäß schreibt, Schönheit gleiche einem Krankenbett, in dem jeder Patient Lust darauf verspüre, sein Lager zu wechseln. Die Nähe von Bordell und Krankenhaus ist durchaus eine Folge der Institutionalisierung von Paris unter Architekt Hausmann. Alles ist besser als Langeweile und Monotonie, selbst wenn die gläsernen Kathedralen der Moderne Lafayette und Le Bon Marché heißen.

Wer Baudelaire, stellvertretend für viele Poeten, die sich der so genannten Ästhetik des Bösen verschrieben haben, oberflächlich rezipiert, wird ihn für ketzerisch, blasphemisch oder areligiös erachten. Ketzer waren einst aber auch Galilei, Kepler und Bruno, Vordenker Newtons und Einsteins. Er ist jedoch ein leidenschaftlicher Mystiker, der die Kunst romantisierend vor dem Eindringen der Wissenschaft zu bewahren sucht. Als Bewunderer Pascals hat sich über Heines und Voltaires Spott bzw. vorgeblichen Atheismus echauffiert. In unserer Welt der Polemik, die nur Schwarz-Weiß oder Links-Rechts Unterscheidungen vornimmt und zur Lagerbildung bzw. Schubladenetikettierung neigt, ist kaum Platz für die subtilen Zwischentöne und Farbnuancen, für die Baudelaire verantwortlich zeichnet. Er, der zwischen der rationalen Aufklärung und der eher mystisch-emotionalen Romantik steht (wobei auch Rousseau aufklärerisch pädagogisch tätig ist und als Romantiker gilt und wiederum der deutsche Transzendentalismus (in der Epoche der Romantik wurzelnd) ermüdend rationalistisch argumentiert, will Spleen und Ideal, Stimmung und Bedeutung, Schein und metaphysische Bedeutung (Ewigkeit) zusammenbringen. Er findet dafür die Prostitution.

Das älteste Gewerbe der Welt, so sagt man. Lateinisch prostituere, zur Schau stellen, ausstellen. Wer sich wie Baudelaire es häufig macht, mit der etymologischen Wurzel beschäftigt, wird auch bei Religion aufmerken. Gewissenhafte Berücksichtigung, Sorgfalt, Achtsamkeit, sind nur einige der Grundbedeutungen, die heute selten mit ihr assoziiert werden. Auch Esoterik ist aktuell meist mit Ufos oder parapsychologischen Phänomenen belegt, selten mit Fachwissen von Eingeweihten. Prostitution, das wissen noch einige, hatte bei den Ägyptern, noch mehr den Hellenen und Römern, eine kultische Bedeutung und auch prophetische Kontexte, u. a. das Orakel zu Delphi. Entscheidend ist, dass Religion, Mystik, irrationale Glaubenserfahrung von sinnlicher Erfahrung, käuflicher Lust (gar hedonistischer Auslegung) und auch Staatsraison gar nicht weit entfernt, im Grunde sogar eng verbunden war. Erst im Zeitalter der Romantik setzt die Spezialwissenschaft ein, der Beginn per definitione alles zu trennen und in mikroskopischen Bestandteile zu zerlegen. Prostitution bedeutet aber grundlegend etwas zu zeigen und dem Verborgenen zu entreißen.

Kunst ist eine Form der Prostitution. Trivial gesprochen prostituiert sich jeder, nicht nur die Politik, wenn sie Ideen zu Idealen und Ideologien verkommen lässt und Wahlversprechen ignoriert, bisweilen sogar verrät. Prostitution ist nicht nur und wenn nur noch eine schwache Metapher für Käuflichkeit und Verrat, für Desillusionierung, wie sie die Romane und auch die Bilder zu Beginn und Mitte des 19. Jahrhunderts, tw. in den aufkommenden Karikaturen und Persiflagen angreifen. Stellvertretend sei auf Balzacs Les Illusions perdus (Verlorene Illusionen) und Madame Bovarys berühmtes Zitat: „Ich bin zu bedauern, zu kaufen bin ich nicht“ verwiesen. Baudelaire hat sicherlich provoziert  und seine Abbreviatur überspitzt, wenn er sagt, es gibt nur zwei Frauen, die Köchinnen und die Huren oder auch die Engel und die Teufel – heute noch wirkt es als Anreiz für Buchbestseller wie „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überallhin“. Auch seine Aussagen, Religion sei nichts für Frauen, weil die zu spirituellen Phänomenen keinen Bezug besitzen, befremdet und wirkt sogar arrogant-dümmlich. Man müsste sich schon der Mühe unterziehen, was er damit sagen will und vor allem wiederum, wie tief der Gedanke der Prostitution bei ihm greift.

In Frankreich sagt man gerne, wenn man stolz auf sein altes und nicht ganz aufgeräumtes Fahrzeug ist: Mein Auto ist mein Bordell. Das Bordell ist bereits eine, meist kommerzielle, Institutionalisierung und damit ökonomisierte Zweckausrichtung der Prostitution, die Baudelaire Ökonomisierung der Bedürfnisse heißt noch bevor Freud von libidinösen Systemen spricht. Früh hat der Dichter und Kunstkritiker nicht nur den Zusammenhang zwischen Syphilis, Gesundheits- und Krankheitssystem erkannt, noch vor Kierkegaard die Romantik eine  (Gemüts)Krankheit und Todestrieb bezeichnet; die Wechselwirkung und Anziehung von Eros und Thanatos war schon den Hellenen sehr bekannt, auf die sich Baudelaire häufig bezieht. Früh hat er auch auf die Ökonomisierung der Bedürfnisse durch und mit Hilfe der Architektur und anderer Formen der Werbung verwiesen. Auch der Bezug zwischen produktfremden Anreizen (teaser oder trigger), meist Schönheit in Verbindung mit Erotik oder Sexualität zur Wertsteigerung einer Dienstleistung oder eines profanen Gutes blieb ihm nicht verborgen. Zuletzt auch nicht die Rolle der Fantasie (zu unterscheiden von Einbildungskraft, die kreativ Neues erzeugt, wohingegen Fantasie bestehende Dinge oder Erfahrungen nur miteinander verknüpft) für die Triebverlagerung. Kurz, Prostitution ist überall, auch in der Kunst und sogar in der Protest-Kunst.

Prostitution ist von Schönheit nicht zu trennen, der Traum, die Reise und die Utopie (allesamt Ideal) als das Licht nicht vom Schatten (dem Spleen) und so schließt das Schöne auch das Aas oder den Bordstein (die Bordsteinschwalbe) oder den Lumpensammler aus. Alles kann schön sein, betrachtet man es frei von wertenden Urteilen. Wer nicht weiß, was er sieht oder den Hintergrund kennt, folglich amoralisch ein Ding zu betrachten versteht, wird manches als funktionslos schön betrachten. Prostitution heißt, zweckbestimmt handeln und nicht nur für die reine Ästhetik, den reinen Schein, die Kunst an sich, sondern auch für den Genuss, die Freude, den Besitz einer Sammlung usw. schwärmen. Kurz, der unverstellte Zugang zur Sonne ist nicht möglich, wir alle spiegeln uns nur im Glanz oder der schwarzen Sonne, wie Baudelaire die Kunst auch nennt. Traurigkeit, Sentimentalität, Melancholie, Sensibilität, Depression und Hyper-Hysterie werden nahezu in einem Atemzug genannt. Was Schönheit ist, betrachtet kaum einer unvoreingenommen und schon gar nicht subjektiv, wo doch zumindest der Geschmack das persönlichste aller Urteile bilden sollte.

Baudelaire besaß eine starke Affinität zur Mathematik, aber auch zum Zufall. Die Evolution kennt keine Schönheit, sie kennt zur Telos, Zweck und Ananke, Zwang. Daher interessierte sich der Dichter nicht im Mindestens für die Natur. Selbst seine Gedichte über Sonnenunter- und Aufgang oder den Mond besaßen stets einen allegorischen oder symbolischen Hintergrund, um auf die Stimmungen und die Prostitution, freier die Entäußerung der inneren Stimmlichkeit in eine äußere Korrespondenz aufmerksam zu machen. Prostitution sollte vom Geschmack des Profanen befreit werden, es ist auch etwas heiliges, schwebendes, tanzendes darin. Spleen und Ideal sind keineswegs Antithesen oder ANTIPODEN und schon gar nicht unverträglich wie Gut und Böse. So etwas hat einen Künstler, wenn er nur Kunstschaffender und nicht schon Rezipient oder Produzent, wohlmöglich noch Epigone oder Reprodukteur ist, nicht zu interessieren. Was kümmert es Gott, was der Mensch erleidet oder denkt, wo er doch (Baudelaire) das einzige Lebewesen ist, das, um zu herrschen, nicht selbst zu existieren braucht. Solche intelligenten Sätze inkludieren, dass Religion und Prostitution mehr gemein haben als die Endung (die auch nur im Deutschen) und sie erschöpfen sich nicht in den Skandalen von Geistlichen, die ihr Amt missbrauchen zu sexuellem Übergriff – all das greift zu kurz und ist eine, zweifellos schmerzende und peinliche, aber doch eine Randnotiz der Geschichte.

Drei Phänomene sollten jedem Betrachter der Kunst und jeden Kunstschaffenden vor Augen treten: zwar mag es sei der Moderne einen erweiterten Interpretations- und Handlungsspielraum für die Kritik am Staat und Religion in westlichen (vorgeblich demokratisch und liberal gesinnten Ländern) geben, dies führt keineswegs zur Beseitigung, Demaskierung oder wenigstens Linderung der Prosititution (im negativen Kontext). Kunst läuft damals wie heute immer Gefahr, ge- und im schlimmsten Fall ideologisch missbraucht zu werden. Kunst kommt nicht von Künstlichkeit, sondern von Technik, sie beruht auf einem Handwerk (käme sie von der bloßen Intention, dem Wollen, es hieße wohl Wunst) und damit sehr wohl auf einen Gebrauch. Reine Kunst, wie Baudelaire es formuliert, l´art pour l´art, bleibt ein unerreichtes Ideal. Wer Kunst nicht versteht, weil sie sich der Rezeptionsgewohnheit entzieht, hat damit noch lange nicht eine Metaaussage wie Kunst, die sich selbst genügt, verinnerlicht. Leider wird Kunst nach wie vor nicht nur Werbung, Plagiat oder Aufhänger bleiben, sondern auch im Muff der Vergnügungs- und Verwertungsindustrie einverleibt bleiben.

Zweitens lässt sich mit Kunst immer Politik gestalten, angefangen von der Rhetorik über andere Formen der Blendung und virtueller Suggestion, der Meinungsmache bis hin zur Fiktion und Konstruktion der Objektivität.  Baudelaires Misstrauen und Abneigung vor der Fotografie (genauer der Daguerro- und der Lithografie) aufgrund ihrer Reduzierung der Imagination ist nur teilweise zu entkräften durch die Entwicklung und Erweiterung technischer Möglichkeiten (siehe Walter Benjamins Aufsatz „Über die Kunst im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit“). Sein Verdikt, der Fotografie wie der bildenden Kunst (Skulpturen langweilten ihn) geht über subjektive Kriterien hinaus. Vergleichbar ist seine Sichtweise mit Nietzsches Perspektive auf die Oper, der das Schauspiel als Hinzukommendes und damit Akzidenz anstelle der Substanz in Augenschein nahm und die Oper hören, nicht sehen wollte, um den Geschmack an reiner Musik nicht zu verlieren. Baudelaires Affinität zur Malerei verbot ihm eine bloße Wiedergabe der Realität als eigenständige Kunst zu beurteilen. Er würde Fernsehen und digitale Berichterstattung vermutlich eher als Kunst goutieren, da sie realitätsfremd (supranaturalistisch) geworden sind.

Drittens, abschließend: Mit Baudelaire kann man Prostitution nicht nur auf Kunst und ihre Medien frei von Polemik assoziieren, sondern auch begreifen, dass wir alle, sofern wir uns um die Wirkung, um die Fremdwahrnehmung bemühen, zu Huren machen. Es sollte uns mehr zum Absichts- und Zufälligkeit, um Authentizität gehen als bislang in dieser von Entfremdung und Narzissmus gleichermaßen geprägten Identitäts- und Anpassungskultur, die Adorno Freizeitindustrieverwahrung genannt hat. Ein wenig mehr Dandy in seiner tieferen Bedeutung als anti-zyklischer Individualist täte uns not. In diesem Sinn: Der König ist tot. Es lebe der König.

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