Flügel des Seraphims: Philosophie und Politik

Flügel

Mit Politik kann man nicht flirten, man muss sie heiraten. Ob Philosophie und Politik zusammengehören oder getrennte Wege gehen (müssen), kann verschieden beantwortet und  durchaus plausibel begründet werden. Der Beginn zeigt in China Konfuzius und in Griechenland Sokrates zwei Modelle, in der Philosophen etwa gleichzeitig Pate für die Politik standen. Im Fall des Regelkanons des Kon Fu Tse, der abwechselnd als Staatsraison verordnet oder verboten war, trat der Philosoph für Rechtsphilosophie und die Gleichsetzung von Ethik, Familien- und Staatspolitik ein, was nicht unwesentlich zur Ausbildung eines starken Gemeinschaftssinns und Sozialtriebs im Reich des Ostens beitrug, ebenso zur Heranbildung einer über Jahrhunderte dominanten und dem Westen überlegenen Kultur. Im Fall Sokrates und seiner berühmten Apologie (Nonkormismus der staatlichen Regel oder Gewohnheitsrecht gegenüber) scheint auf den ersten Blick der Skeptizismus gegenüber einer vernünftigen Politik zu obsiegen. Als Märtyrer zahlte der Denker, der partout kein schriftliches Erbe hinterlassen wollte und so zu seiner Legendenbildung beitrug, einen hohen Preis für die Unbestechlichkeit seiner Meinung und das Auseinandertreten von politischer und moralischer Ordnung.

Mit Platon im Westen, Zoraster (Zarathustra) im Nahen Osten und Konfuzius im fernen Osten betraten drei Denkmodelle die Bühne, die Politik als Sache einer Elite und das Gute mit dem Vernünftigen gleichsetzten. Sie waren gegen die Demokratie, aus verständlichen Gründen, denn das Volk erwies sich nachhaltig als launisch, ungebildet, teilweise roh und neben der Wankelmütigkeit trat auch Rachsucht als Motiv unüberlegter Entscheidungen hinzu.  Historisch hatben sich der Aristokratismus oder Oligarchismus durchgesetzt, abwechselnd mit starken Zentralgewalten wie Monarchien und Diktatoren, die, nur nebenbei erwähnt, auch vom Volk als natürliche gottgewollte Autorität Anerkennung und Akzeptanz fanden. Mit der Zeit verschob sich das theokratische Weltbild zu einem säkularen Politikverständnis (Laizismus) und die von Aristoteles aufgeworfene Aussage, dass es die optimale Regierungsform nicht gebe, sondern diese immer vom Zweck und damit dem Reifegrad der Evolution abhinge, setzte sich durch.

Allgemein gesprochen gab es keine Trennung zwischen Philosophie und Politik, Mark Aurel regierte als Philosophenkaiser. Zum einen hatte noch keine Spezialisierung stattgefunden und die Tradition des Platon, der einen Philosophenstaat gründen wollte und das Für und Wider der richtigen Regierungsform mehrfach zum Hauptgegenstand seines Denkens erklärte, kurz die Untrennbarkeit von Ethik und politischem Handeln, zeitigte die Disziplin Politik oder politische Philosophie. Als besonders bedeutsam sollten sich dabei Aufklärer wie Lessing, Hobbes oder Rousseau erweisen, aber bereits vor ihnen Machiavelli und Mirandola, exemplarisch für die Renaissance. Von Montesquieu stammt die Überlegung, Regierung und politisches Handeln hingen als Dependenzen von ihrer natürlichen Umgebung (Milieu) ab, die auch Einfluss auf die Spiritualität nehme (Alle Weltreligionen stammen aus der Wüste). Spinoza hielt die Welt und Gott für untrennbar miteinander verbunden, dennoch wies er auf die unterschiedlichen Prinzipien von Religion und Glaube einerseits und Philosophie und Politik andererseits hin. Das Erste fordert Liebe und Hingabe, bisweilen Demut und Unterwerfung vom Menschen, das andere aber Wille, Durchsetzungsvermögen, Wissen und Diplomatie.

Jahrtausende hat der Mensch herausragende Führer wie Pharaonen, Könige und Kaiser vergöttlicht, bisweilen die Götter vermenschlicht und für Transparenz zwischen dem Olymp und dem Parnassos gesorgt. Die Heldenverehrung ist keineswegs mit oder in der Moderne ausgestorben. Dass die Welt Gottes oder der Polytheismus – wir wollen nicht unterschlagen, dass die überwiegende Mehrzahl großer Kulturen wie die Majas, Azteken, Ägypter, um nur einige zu nennen – viele Götter unter einem Dach vereinte, prägnant zugespitzt die Religion weltliche Belange beherrschte und bis ins 20. Jahrhundert beeinflusste, darf ebenso wenig unterschlagen werden wie die Tatsache, dass die religiösen Machthaber, u.a. Päpste und Kardinäle immer auf der Seite der Mächtigen standen und dem Konservatismus pflegten. Das gilt auch für die Rechtfertigung von Gewalt und Krieg, nicht nur gegenüber den erklärten Willen und primitiven Völkern. Das Unrecht beginnt für Christen im Alten Testament mit einem rächenden Gott auch wenn das Neue Testament Liebe und Versöhnung lehrt, so handelten und handeln bis heute zahlreiche Gläubige nicht nach diesem Gebot. Auch den Einfluss des Islams, der an dieser Stelle deutlich vom Terrorismus und so genannten Fundamentalismus zu trennen ist, hat nachweislich die Politik geprägt. Ideologie erweist sich als Nährboden für Verbrechen.

Dennoch lassen sich Einwände gegen die historischen Argumente finden, dass Philosophie und Politik automatisch oder gar untrennbar verbunden sind. Es mag viele überraschen, dass die Zeitgenossen de Sade und Kant hier in einem Atemzug genannt werden müssen. De Sade aufgrund seines Atheismus, seiner rigorosen Umsetzung der Politik des Stärkeren, die später als Spencerismus wiederkehrte und die Lehren Darwins auf den Menschen transformierte, sogar die Überlegenheit einzelner Rassen daraus ableitete und den Herrenmensch damit legitimierte. Der entscheidende Satz von De Sade (der viel Kluges gesagt hat) lautet: „Verbrecher werden immer von Verbrechern eingesperrt.“ Aufgrund der ekstatischen Mordlust, die in allen Kriegen und Revolutionen Begünstigung erfährt, erkannte er den Schrecken (Terreur) im Namen der Staatsraison, entlarvte die satanische Lust am Bösen, die sich im Kleid der Tugend tarnt. Dass auch kluge Leute irren und Intellektuelle wie Feuchtwanger oder Sartre Stalin verehrten wie Heidegger oder Benn Hitler, ganz zu schweigen von der Kriegseuphorie eines Hofmannsthal und vieler anderer tugendhafter, ethisch durchaus verantwortungsbewusster Menschen, bildet nur die Spitze des Eisbergs. Robespierre war gewiss ein Ausbund an Tugend und wie Savonarola in der Renaissance fest davon überzeugt, mit den angeordneten Massenexekutionen das Richtige zu tun; diese Tradition setzt sich bis heute fort und dokumentiert, dass ein Philosoph entweder eine arbiträre Position (Mediator) einzunehmen oder sich vom politischen Ränkespiel fernzuhalten hat, zumal er allzu leicht von ihr missbraucht werden kann, wie die Beispiele Nietzsche, Heine oder Hölderlin exemplifizieren.

In dieser zugespitzten Polarisierung, dem Malstrom der Geschichte, standen sich auch Camus, der Einsame und Sartre, der Parteigänger gegenüber. Camus übernahm de Sades Gesinnung, der erste Grund für die Abschaffung der Todesstrafe liege in der Entlegalisierung des Mordes und der Enttarnung des religiösen Prinzips der Rache, der  zweite Grund für die Abschaffung der Todesstrafe liegt darin, dass diese nie das Verbrechen verhindert hat, sondern es auf dem Schafott sogar begünstige. Er ist politisch, natürlich, ein unpolitisches Handeln ist nicht mehr möglich, sofern man öffentlich agiert oder sich positioniert.  Doch zugleich ist damit gesagt: nicht Tugend fordert die Politik von uns, sondern nur ihre Maske. Wenn wir uns zu verstellen wissen und der Norm folgen, so ist man zufrieden. Gehorsam gilt als Bürger- und Parteidoktrin. Doch wie es keine Ideen ohne Sinne gibt, so hat der von Natur aus Blinde keine Vorstellung der Farbe. Menschen, die eine andere Sichtweise äußern als die der verordneten ethischen Norm, werden als apolitisch stigmatisiert. Das begann bei den Katharern, die das Armutsideal von Jesus wörtlich nahmen und damit gegen klerikale (ökonomische) Privilegien agierten, fand seine Fortsetzung mit de Sades Aufschrei gegen das Unrecht, politische Opportunisten zu foltern und zu töten, gleiches Recht aber dem Privatmann zu untersagen und die Leidenschaft damit der Staatsraison unterzuordnen. Das Recht der Ausgrenzung von Querdenkern endet bei Camus, der nicht mehr links genug war, sondern als Verräter galt, weil er Kritik am Kommunismus äußerte und die Entkolonialisierung schrittweise, nicht mit einem bewaffneten Kampf vorantreiben wollte.

Kant war gewiss ein politisch feinsinniger Mensch und äußerte sich in seiner „Schrift zum Ewigen Frieden“ für Europa (gegen einen Nationalstaat), eine schrittweise Annäherung an die Demokratie (die man lernen muss wie die Freiheit und nicht nur verwalten oder gar beherrschen und anordnen kann), seine ganze Ethik (Sittenlehre) ist ein Aufbegehren gegen die Zurücksetzung der Frau (Beispiel Eherecht) und für das gleiche Recht aller (bürgerliche Gleichstellung), um nur einige Aspekte moderner Rechtsprechung zu benennen. Er macht aber auch deutlich, dass Philosophie (Moral) und Politik (Ethik) unvereinbar sind wie a priori (Universalrechte, Universalpflichten) und a posteriori (situations- und erfahrungsbedingte Kontingente). Seine Zwei – Reiche Lehre von der reinen und der praktischen Vernunft, dem Recht der Freiheit und dem Reich der Notwendigkeit, vor allem aber die Gesinnung vor den Erfolg, den Zweck über die Mittel zu stellen, wirken bis heute fundamental nach: trotz aller Versuche, ihn zu politisieren im Sinn für einen Humanismus in Anspruch zu nehmen – die geglückten Versuche stellen Jaspers und Jonas bzw. Arendt und Adorno dar – ist es unübersehbar, dass sich Politik nach den jeweiligen Rahmenbedingungen (wissenschaftlichen Erkenntnissen, historischen und kulturellen Realitäten) ausrichten muss und nicht, wie der gewiss kluge Marx meint, die Philosophie als Mittel zur Weltveränderung  gebrauchen zu müssen (anstelle des Weltverstehens). Letzteres, die Politik als Mittel zur Durchsetzung der rechten Philosophie zu konzipieren bleibt unvereinbar bleiben muss mit jeder Form von Idealismus, die stringent betrachtet, Transzendentalismus ist und nicht Idealen folgt, was immer wieder angenommen wird, auch nicht von einem Idealzustand ausgeht (Utopismus), sondern sich abgrenzt von jeder Form von Utilitarismus, weil diese Glück, Nutzen oder Wohl immer von Marginalien abhängig macht, die nur national, mitunter lokal, ganz sicher generationsbedingt und teilweise sogar partikulär von Interesse sind, bleiben und Handeln damit dem selbstgesteckten Rahmen unterworfen bleibt. Kant und de Sade als Protagonisten einer staatspolitisch skeptischen und die Philosophie ins Reich der Freiheit rettenden Denkertypen arbeiten Nietzsche vor.

Fern davon, etwas von Kant oder de Sade anzunehmen, fordert Nietzsche im Grunde die Selbstentwicklung, das Selbstwertgefühl und die Selbstwertschätzung des Individuums. Er ist politisch in dem Sinne, dass er als Ergänzung zu Marx hinzutritt, der die Gesellschaft und damit den Menschen erziehen bzw. bessern will. Nietzsche trennt Ästhetik und Ethik, weist aber darauf hin, dass es der gewöhnliche Mensch nicht kann. Er rät uns zu mehr Verantwortung und Freiheit, wohl wissend, dass der gewöhnliche Mensch beides entweder ablehnt oder missversteht, mit Herrschaft und Macht verwechselt (nebenbei auch noch Herrschaft mit Macht). Mit Nietzsche beginnt der Mensch (genau genommen wiederholt Nietzsche nur eine vergessene oder unterdrückte Form der Philosophie der Vorsokratiker) sich bewusst für seine Lebensgestaltung zu entscheiden und gegen eine Bevormundung anderer oder einer Knechtschaft anderen gegenüber. Pointiert: Werde, der du bist, indem du authentisch lebst und liebst. Wer das beherzigt, der kann über Parteien nur lachen und in ihnen Formen der Interessenverwaltung bis hin zum Systemkonformismus erkennen. Natürlich ist auch eine Entscheidung zum zivilen Ungehorsam erstens politisch und zweitens zweischneidig. Sie ist politisch unphilosophisch, wenn sie Gewalt gebraucht oder in Verachtung dessen mündet, der die eigenen Werte nicht teilt und sie ist philosophisch unpolitisch, wenn sie auf dem schmalen Grand zwischen Toleranz und entschiedenem Kampf gegen allgemeines Unrecht (psychische wie physische Folter) aufbegehrt. Manchmal wird man die Geister nicht mehr los, die man gar nicht rief…

Adorno und Arendt wurden Opfer ihres Engagements, auf unterschiedliche Art und Weise. Adorno, der den Kulturkampf hegelianisch und die Kapitalismuskritik aus nicht-kommunistischer Perspektive personifizierte, sah sich von der 68 er Bewegung überrannt und verraten. Es greift zu kurz, Büchners abgewandeltes Zitat (Danton) Die Revolution frisst ihre Kinder anzuführen, die RAF wollte er nicht (Sartre suchte sie zu verstehen, als er Baader in Stammheim besuchte). Auch Heines Verdikt von der Eselspartei (den Abderiten) und der Tendenzpoesie artikuliert nur einen Flügel des Seraphims.  Wenn Philosophie oder Kunst (die laut Baudelaire eine andere Form von Philosophieren ist) politisch sein muss, verkümmert sie oder wird zum Spielball der Ideologie; wenn sie sich hingegen zu neutralisieren oder isolieren versucht, wird sie ihrer Aufgabe, Grundwerte zu vermitteln und auch das Widerstreitende dialektisch zu verstehen, im Idealfall zu inkludieren, nicht gerecht. Dostojewski sagte: „Der Verstand mit seinen Ideen kann irren, mit dem Herzen irrt man nicht.“ Ähnlich wie Pascal: „Das Herz kennt Gründe, von denen der Verstand nichts weiß“ und Hofmannsthal „Wir müssen lernen, mit dem Herzen zu denken und dem Verstand zu sehen“ wurden diese Gedanken vereinfacht und so zurechtgelegt, wie sie für das eigene Weltbild passend erschienen.  Die Idee führt immer auf Kant zurück, diesem Inbegriff des Rationalismus, der die Gefühle und Träume nicht aus der Vernunft und dem Gewissen verbannt sehen wollte. Ein allzu unilateraler Gebrauch eines Muskels führt zu proportionalen Missbildungen, wie wir wissen.  Adorno stand der Moderne, die er gefordert hatte, in ihren konkreten, alle Farbtöne und Nuance negierenden, Ausprägungen fassungslos gegenüber.

Arendt wurde teilweise zur Verräterin ihrer jüdischen Kultur, spätestens als sie „Eichmann in Jerusalem“ schrieb. Zum einen brach sie das klassische Schwarzweißbild auf, das Verständnis der Rollenverteilung von Täter und Opfern, zum zweiten hinterfragte sie die Methode und das Recht, das im Fall Eichmanns mehrfach gebeugt wurde, so dass wie bei Dreyfus oder Maurizius von einem Justizskandal gesprochen werden muss. Zum dritten stellte sie die Frage nach der Individual- und der Kollektivschuld neu und wies auf die Unrechtmäßigkeit israelitischer Politik und Rechtsauslegung hin. Zum vierten versetzte sie sich psychologisch in die Rolle eines Schreibtischtäters, der die konkrete Tat (das Verbrechen) aufs schärfste verurteilte, die verschleierte Handlung (abstrakte Organisation des Verbrechens) jedoch als Dienstanweisung rezipierte und administrativ betrieb. Kants Schrift „Über das radikal Böse“ spricht in der Ursache und dem Entstehen vom Bösen in der Verharmlosung und Maskierung, eine anthropologische Konstante gegen das Sittengesetz aufzubegehren, das umso intensiver werde, so größer dieser natürliche Trieb im Menschen vorher geleugnet, tabuisiert oder unterdrückt werde. Um, so seine paradoxe Einsicht, ein freier Mensch werden zu können, muss er die Wahl zum Bösen haben und diese überwinden lernen. Dazu gehört auch, der Versuchung zu widerstehen, mittels Gehorsam (Freuden der Pflicht) pflichtgemäß das zu tun, was gesetzmäßig oder als ethische Norm gefordert ist. Aus Pflichtgefühl zu handeln inkludiert nicht nur Emotion und Empathie, sondern die Einsicht, dass Pflichten höher als Rechte zu bewerten sind. Lässt sich der Mensch entweder von Selbstliebe (Glücksstreben) oder von reiner Pflichterfüllung (dem Staat, der Religion, einer Idee gegenüber) beherrschen, ist er nicht mehr freier Herr seiner Entscheidung. Er muss folglich der Politik von Zeit zu Zeit hic et hoc skeptisch gegenübertreten, um im vollen Maß politisch handlungsfähig zu bleiben.

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