Camus – die Reise ans Meer, Liebe und Leben

Bermerhaven, mit Blick auf das Meer, so glaubt man, doch es ist die Weser. Fühle mich erinnert an meine Reise an die Loire, die irgendwo im Atlantik mündet und dabei eine Breite erreicht, die wie der Fluss an der Nordsee an ein Meer erinnert. Am Deich erinnern Schilder und Bilder an die große Flut, im Mittelalter starben über 100 000 Menschen am werdenden Jadebusen die größte, historisch gemessene, kostete in Hamburg noch 300 Menschen das Leben. Ein ewiger Kampf ums Überleben, der zwischen Natur und Mensch tobt. Camus hat das Meer geliebt. Kein Wort kommt häufiger bei ihm vor. Danach folgt das Schweigen.

Meine ersten Worte vor den 35 Stühlen, in Zweier- und Einreihen postiert, Corona geschuldet, erwarten mich, fremd, ungewohnt.

Drei Fragen will ich in meinem Vortrag klären: Was ist die Pest? Was das Absrude? Wie gehen wir damit um? Ein guter Philosoph, so habe ich es gelernt, hat am Ende mehr Fragen als Antworten, schon Heidegger lehrt uns, wonach nicht gefragt wird verdeckt uns die Antwort, es geht immer primär um die Fragwürdigkeit und diese gibt auch bereits das Ziel der Antwort vor. So offen wie möglich und so verbindlich wie nötig. Ich brauche das Mikrofon nicht, die Stimme trägt auch so. Man hat eine Lesung erwartet oder einen sitzenden, ernsten, vielleicht sogar traurigen Philosophen. Immerhin sagt Adorno, der muss es wissen, Philosophie sei eine traurige Wissenschaft. Aber will man Camus gerecht werden und dem Meer, so ist es weder grau noch traurig und er wägt ab zwischen Ebbe und Flut, zwischen Revolution und Revolte, zwischen Apathie und Kampf. Solidarität ist ein Schlüsselbegriff, im Französischen liegen solidarité und solitaire dicht beieinander. Ich spreche davon, dass Einsamkeit und Alleinsein nicht das Gleiche sind und davon, dass wir paradoxerweise den Anderen brauchen, um uns Selbst zu überwinden und uns unseres Alleinseins bewusst zu werden. Die Solidarität allein, die Begegnung mit anderen Menschen, hilft uns aus der Einsamkeit heraus das Alleinsein zu überwinden. Doch ich schweife ab.

Was ist die Pest? Sie könnte, nachdem, 1720 in Marseille die letzte über Europa hereinbrach, in variierender Form wiederkehren wie ein Virus, der sich nach einer Inkubationszeit oder einer Impfung modifiziert und damit auch immunisiert. Es könnte seine eigene Krankheit sein, TBC, die ihm mehrfach den Tod so nahe gebracht hat und dafür verantwortlich war, dass Camus Schriftsteller statt Fußballer wurde. Die Pest könnte auch eine innere, eine politische Krankheit sein, ein totalitäres System, Faschismus und Stalinismus arbeiten bis heute fort in den Köpfen. Nun will man Lenin und auch Stalin in Mainz ein Denkmal bauen, eine gewisse Gruppe will das, doch das gehört nicht hierher, es zeigt nur, dass in den Köpfen so unfassbar viel Leere herrscht, wenn sie die vermeintliche Heldenverehrung in ihrer Götzendämmerung betreiben. Autoritäre Systeme wie Religion oder selbstgerechte Regierungen, die mit diktatorischer Vollmacht ausgestattet sind, erschaffen Sünden, Schuld und Sperrstunden ganz nebenbei, der Mensch gehorcht, den ewig währt der Kampf gegen das Böse. Kierkegaard bezeichnete die Romantik als Krankheit zum Tode und Camus hat viel von Kierkegaard, noch mehr von Pascal, am meisten jedoch von Nietzsche und Dostojewski. Es geht um das Überleben, nicht aufgeben, dazu brauchen wir keine Helden. Es geht um die Hoffnung im Diesseits, jene, die keine Erlösung von Außen oder Oben sucht und eigentlich gar nichts erwartet und dennoch liebt und liebt statt hasst und verzweifelt. Im Tagebuch schreibt er über die Pest: „Zunächst hören die Bewohner nicht auf zu hoffen, erst in der zweiten Phase werden sie apathisch. Die dritte Phase bringt die Entscheidung: die Revolte. Die Revolte ist das Recht, der permanente Kampf gegen das Absurde.“ Die Revolte ist das Auge in Auge mit der Katastrophe im Permanenz. Ich blicke aus dem Fenster aufs Meer, es ist wie bei Hölderlin: wo Gefahr ist wächst das Rettende auch. Doch uns ist gegeben, auf keiner Stelle zu ruhn. Nur der Mensch solidarisiert sich selbst mit seinen mutmaßlichen Feinden, er muss es, wenn er lieben will.

Das Absurde, das hat eine Logik. Die absurde Logik will es, dass den einen ein Dachziegel trifft, weil er anstelle des Freundes einen Weg gegangen ist und nun unter dem Dach steht, an dem am Tag zuvor ein Arbeiter gearbeitet hat. Oder sie will, dass ein Arzt aus humanitären Gründen eine Guillotine erfindet, damit der Tod seine Folter verliert und das Sterben humaner wird. Das führt dann zu Sätzen wie Es gibt keine Hoffnung, also hoffen wird oder Es gilt keine Chance, also nutzen wir sie. Die absurde Logik kennt keine Lösung, sondern nur ein Umgehen mit dem Problem, ein Leben mit dem Dilemma, dem Schiffbruch mit Zuschauer, der Dialektik des Stillstands, der Katastrophe in Permanenz. Die Logik des Absurden aber will mehr. Sie sagt: Wenn eigentlich der Freund hätte den Weg gehen müssen und es sein Schicksal war, vom Ziegel erschlagen zu werden, dann ist er jetzt dazu verdammt, sich schuldig zu fühlen, denn der andere ist seinetwegen gestorben. Oder der Arbeiter auf dem Dach ist schuld. Dieselbe Logik sagt, wenn es einfacher und schneller geht, dann töten wir mehr. Die Guillotine ist zu mechanisch, zu langsam, also erfinden wir den Tod neu, verpassen wir ihn mehr Dynamik. Aus der Qualität des Sterbens wird die Quantität des Tötens. Ein Satz, der bleibt von Camus lautet: Ohne das Absurde, gibt es kein Glück. Keine Solidarität. Keine Liebe. Kein reflektiertes Leben.

Ich erkläre die Essenz von Sisyphos und den Unterschied von Revolte und Revolution, dem Ja zum Leben und dem Nein zum Leben der anderen. „Ich empöre mich, also sind wir. Wir sind einsam.“ Es gibt kein zurück mehr, jeden Tag entscheide ich mich neu, für die Freiheit, für den Kampf, für das Recht auf Widerstand, immer zugunsten des Lebens und gegen den Hass oder die Gleichgültigkeit. Der Mensch ist sich selbst genug, die Aufgabe, der Weg, die Aufrichtigkeit genügt. Rettung ist anderswo und Glück oder Erfolg nur Beigabe für unser Handeln. So sagt es Camus, der aus der Kraft des Meeres, das immer in Bewegung ist, das mediterrane Denken formt mit seinen glückseligen Inseln und dem Aushalten des Absurden, das uns sinnlos erscheint und dessen Frage uns doch eine Antwort ertrotzt, die, dem eigenen Schicksal einen Sinn zu verleihen und die, dem anderen als unseren Weggenossen zu betrachten, nie als unseren Feind. Wie schwer es doch ist, Stille auszuhalten oder Widerstand, oder den ausbleibenden Erfolg, das Ergebnis, dessen unser Streben gilt. Es gehört zur Logik des Absurden, dass es uns anspringt und nie wieder loslässt, ähnlich einem Schiff, das ab und an in einen Hafen einläuft und dennoch immer wieder aufs Meer hinaus will.

Worin geht es in der Pest? Was können wir als Überlebensstrategie im Ausnahmezustand, umgeben von ansteckender Krankheit, lernen? Camus schreibt, die Pest ist in uns und lässt keinen von uns los. Sie verschont niemand. Es ist unsinnig, von ihr wegzulaufen oder den Erreger zu meiden. Also wie leben mit dem täglichen Tod vor Augen, dem Wissen, dass es jederzeit geschehen, uns geschehen kann, und nicht nur beim Nachbarn anklopft, das Schicksal, das Unheil, das Absurde. Panneloux, der Geistliche stirbt, weil die Theodizee keine Antwort zulässt, weil er ohne metaphysisches Obdach verloren ist. Als er sieht, dass Gott auch die Unschuldigen, die keinesfalls gesündigt haben, bestraft, muss er sterben, wie jene, die nur an sich und ihre Liebsten gedacht haben. Tarrou, in dem man gerne den Atheisten Sartre sehen will, der nur durch Wille und Überzeugung an das irdische Glück motiviert erscheint, der aber sich dabei selbst vergottet wie der Prediger sich einer fremden Autorität beugt, die er Gott heißt, die aber auch der Staat heißen könnte, muss auch sterben. Wille und Glaube genügen nicht.

Drei überleben: Rieux, der Arzt, dank seines Pragmatismus, der ganz dem Jetz, der Auratisierung des Augenblicks folgt. Seine Frau, die er in Sicherheit wähnt, stirbt, er, der im Krisengebiet unter Quarantänebedingung bleibt, überlebt, trotz seiner tausend Begegnungen mit den Kranken. Zum Humanismus, wie Camus ihn versteht, gehört auch Lakonie und Sachlichkeit, kein Pathos und die Hoffnung der Hoffnungslosen, die auf eine Schöpfung ohne Morgen. Grand überlebt, weil er kein Held sein will, weil er das Unmögliche versucht, Schriftsteller zu sein, ohne mehr als über einen Satz hinauszukommen, Chronist des Lebens, nicht des Todes sein will. Er zeigt uns die Waffe des Humors und die Kraft des Dienens, in im Wort Demut steckt. Zuletzt der Journalist Rambert, der als einziger seinen Schatten übersprinbgt und nicht mehr eigennützig handelt, sich sogar mit den ungeliebten Bürgern der Stadt Oran solidarisiert und allen Partikularinteressen zunm Trotz will, dass alle überleben und nicht nur er, der Glück plötzlich im Mangel entdeckt, nicht in der Fülle des Seins.

Wozu führt uns die Pest? Zum einen, die Revolte von der Revolution zu unterscheiden wie die Freiheit für etwas gegen die Freiheit von und gegen jemand und vor allem zu begreifen, dass wir keine göttliche Instanz bedürfen, weder als Richter noch als Grund für unser Leiden. Dass Leben, Schmerz und Verlust wertvoll sind, dass Katastrophen Wendepunkte und nicht Schlusssteine sind und dass wir immer wieder in den Steinbruch der Geschichte zurückkehren müssen um irgendwann eins zu werden mit unserem Stein. Camus lehrt uns den Reichtum in der Armut, das Glück im Inneren anstelle im Außen zu suchen, den Selbstwert und das Selbstbewusstsein nicht vom anderen zu erwarten, nicht zu resignieren, sondern in die eigenen Ressourcen zu gehen, die oft beschworene Resilienz. Ich beschließe, schreibt Camus „alles abzulehnen, was aus guten oder schlechten Gründen das Töten rechtfertigt. Ich habe die Gewißheit, daß jeder die Pest in sich trägt, weil kein Mensch davon frei ist.“ Das bedeutet aber nicht Skepsis und Pessimismus, sondern am Ende siegt immer das Vertrauen über die Entfremdung, die Liebe über den Hass, die Wahrhaftigkeit über die Lüge.

Wir können mit Camus lernen, dass wir die Welt nicht bessern oder retten können, vielleicht nichteinmal uns selbst. Aber wir können ein glückliches Leben führen, in Einklang mit uns, Freiheit mit Verantwortung erfüllen, Aufrichtigkeit mit gerechtem Handeln, Licht selbst im Schatten finden und ohne in Automatismus und Regelkonformität zu erstarren, lebendige Wesen bleiben mit Mut Dinge, vor allem uns selbst, zu ändern, nicht zu missionieren und zu richten, aber unsere Träume zu leben, den Traum von Menschlichkeit, Liebe und Solidarität. Um es mit Camus zu sagen: „Nicht geliebt zu werden ist nur ein unglücklicher Zufall, nicht lieben zu können, darin besteht die wahre Tragödie die Menschheit.“

Es war ein guter Abend in Bremerhaven. Eine Stadt, die ich einst nicht mit den besten Erinnerungen verlies. Eine Arbeiterstadt wie St. Etienne, in der Eisen regiert und den Takt vorgibt. In der Schiffe gebaut wurden, die nicht mehr wie einst Monate bruachen, um die rettende Küste zu erreichen, Schiffe, die den Wind entbehren können und auch manchem Sturm trotzen. Dennoch sind die Toten nicht weniger geworden, die Unfälle nicht geringer, die Menschen nicht weiser, die Matrosen nicht glücklicher. Ich bin es, der ein anderer geworden ist, der die Stadt, das Meer, vielleicht sogar die Menschen heute mit anderen Augen sieht und nicht mehr zürnt über Dinge, die er nicht zu ändern vermag und nicht mehr zweifelt, nur weil auf die eigene Rede Schweigen folgt oder Unverständnis oder eine Frage, die man für die falsche hält. Das Meer ist gut wie es ist, der Weg hierher hat mich wieder Camus ein Stück näher gebracht und dankbar dafür, dass ich Philosoph geworden bin und kein Selbstmörder oder ein verbitterter Mensch, der Stalin oder Lenin ein Denkmal bauen will. Ich weiß jetzt nicht nur, wie man Resilienz schreibt oder was es bedeutet, ich kann die Selbstheilung kraft guter Gedanken und einer aufrechten Haltung jetzt riechen und schmecken.