Wenn alle Menschen grüne Augen hätten …

Doch es gibt die blauen, die braunen, die grauen und den Star natürlich auch. Es gibt sie, die Gretls und die Garbos, die Schlichten und die Eleganten, die einfach Gestrickten und die Glamourösen und es soll sie auch geben, damit nicht alle im Einheitskleid durch die Welt spazieren. Es gibt die im Lichte Stehenden und die Blümchen an der Mauer, die Theater machen und welche, die Lücken im Publikum füllen und natürlich gibt es Schnittmengen, denn das eine schließt das andere nicht aus.

Silvester kann man das Jahr bilanzieren und sich vornehmen, dass alles besser oder wenigstens anders wird. So wie die Meere weiter überfischt werden, die Butterberge sich häufen und die Bauern oder Landwirte streiken, für faire Preise die einen, für umweltgerechtere Agrarkultur die anderen, jedes Jahr aufs Neue, wie Gewerkschaften, die Löhne an die Inflation anzupassen versuchen. Das alles kann einem die Laune vermiesen oder gar Weltuntergangstimmung verbreiten, dagegen impfen lassen kann man sich nicht. Was aber jeder kann ist ein Apfelbäumchen pflanzen, vielleicht wird aus diesem Traum ein Tiger, auf dessen Rücken man reiten kann.

„Es ist als ob es tausend Stäbe gäbe und hinter tausend Stäben keine Welt.“ (http://rainer-maria-rilke.de/080027panther.html) Hinschauen genügt schon, wegschauen erzeugt Angst. Wer die Wahrheit will, vor allem auch in der Kunst, der muss sehen lernen. Rohheit zerbricht Realität. Es gibt nichts Gewaltigeres, als ein Tier zu sehen, daß vor Lust vergeht. Es gibt keine Moral in der Natur. Was gibt es Gewaltigeres, als unverstelltes Verlangen. Die Kunst ist heilig. Selbst die Wollust vermag sie nicht zu entheiligen. (Rilkes Brief an Clara Wedekind, 6.11. 1902 zur Niederschrift seines Gedichts Der Panther) Rilke lesen, immer wieder, das hilft mehr als ein Gebet.

Ethische Fragen wie kulturelle Ansprüche oder gar Anliegen sind nicht systemrelevant, zumindest zweitrangig gegenüber dem, was Fakten, die nackten so inkludieren. Baudelaire schreibt, Politik sei Prostitution und das ohne zu bezahlen, sogar geschmacklos sei sie und Wahl gäbe es auch keine. Er hat erleben müssen, wie die Kunst verraten wird, bis sie selbst verrät und wie es aufs Gleiche hinauslief, mit dem König, ohne König, nur das Mäntelchen und die Perücken änderten sich und hießen auf einmal Demokratie. Büchner dachte da anders. Die Politik muss poetischer werden und die Poesie in jedem Fall politisch, man schreibt fürs Volk oder besser gar nicht. Eine Bühne zur Belustigung oder Selbst-Erquickung, an der sich bloß der Intellekt delektiere, das geht nicht an bei Hunger und Not. „Friede den Hütten, Krieg den Palästen“, auch wenn die Revolution ihre Kinder frisst. Irgendwann wird das Meer ausgetrunken sein. Wer´s nicht glaubt, der fahre ans Tote Meer.

Ein Herr von Goethe, Geheimrat seines Zeichens, machte es richtig und allen Deutschen vor. Die wirklich guten Literaten vom Schlage Hölderlins, Kleists und Lenz beißt man weg, die eigenen Verslein wagen sich weit hinter die Wolkendecke, da hat man Mitglied mit dem armen Gretchen, was ihr Faust, was man ihrer Mutter angetan. In der Poesie darf Werther sterben, er muss es sogar, denn er darf nicht glücklich sein. Was wäre die Romantik auch ohne Schmerz und die Menschen sollen das verführte Mädchen bedauern. Vor Gericht aber sprach er sie schuldig, die Selbstmörder bekamen auch in Weimar kein Grab, die Kindsmörderinnen ihres neben das tote Kind in der Wiege gelegt.

Ein halbes Jahr politisch, das andere sich engagieren. Wär´s doch so einfach mit den halben Sachen, dann könnte aus etwas weniger doch so viel mehr werden. Im Sozialismus gab´s kein Ich, das galt als verdächtig, wie jede Form von Subjektivität. Nur leider macht das viele Rot die anderen Farben kaputt, bunte Träume gehen nun mal mit schwarz und gold dazu. Im Westen, bekanntlich nichts Neues, alles schön bunt und doch grauer als man glaubt. Die wirklich wichtigen Werte wollen Wir, so lautet der einfache Kalauer, damit es auch der letzte Fahnenträger merkt.

Die Kanzlerin sagt, die Schere zwischen den Schichten darf nicht weiter auseinandergehen. Zwischen Wut und Ohnmacht stehen wir schon, auf dünnem Eis, Politik wie Poesie sind mit dünner Nadel gestrickt. Die Philosophie soll sich engagieren, nicht nur Sartre sagt es, wir sind verdammt dazu, denn die Hölle sollen nicht die anderen sein, wir selbst sind uns die besten Feinde. Menschen gehen zur Kirche, lesen die Bibel, handeln vor der Tür, als hätten sie leere Seiten studiert, sogar Prediger, auf die können sie sich berufen, Evolution ist auch ein unchristliches Wort, weshalb nur hat es Jesus nicht gekannt, der die Menschen doch entwickeln wollte wie jeder wahre Dichter, der noch an Utopien glaubt. Buchstabengetreu ist nichts, Leiden schreibt man heute Leyen mit zwei Fehlern, weil so viel richtiger ist. Weil es kein Geblüt von Geiste mehr gibt, tut´ s auch ein von. „Kinder müssen wieder willkommen sein und einen festen Platz im Alltag haben.“ (https://beruhmte-zitate.de/autoren/ursula-von-der-leyen/). Sagt sie und verbaut Europa die Zukunft.

Einst gab eine Maus ein Konzert, damit sie, wie sie uns verriet, nicht arbeiten musste. Es kamen der Jünger aus ihrem Volk gar viele, die ganze Brut, und ein jeder oder doch die meisten, hörten die schiefen Töne. Ei, die kann nicht singen, nur piepsen, dachten sich viele, doch ein jeder auch: weshalb soll ich das sagen, es genügt doch, dass ich es weiß. Gibt nur Ärger, wenn man der erste ist, der Unrecht bemerkt, an dem sich keiner zu stören scheint. Die Macht des Gesangs reißt fort, selbst wenn es kein Gesang ist, die Sirenen verführen auch, selbst wenn sie schweigen. Kafka hat es wohl geahnt. (https://www.youtube.com/watch?v=ZLIiMVqC18w)

„Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urtheilen müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün — und nie würden sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es nicht etwas zu ihnen hinzuthut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen, wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint. Ist das letzte, so ist die Wahrheit, die wir hier sammeln, nach dem Tode nicht mehr — und alles Bestreben, ein Eigenthum sich zu erwerben, das uns auch in das Grab folgt, ist vergeblich“ (von Kleists Brief an Wilhelmine Zenge, 22. März 1801)

Ist wie Tucholsky sagt mit dem Wünschen: man wünscht sich eine große Schlanke und bekommt eine kleine Dicke. Oder Heine: Hier vorne geht sie unter /Und kehrt von hinten zurück.

Wer´s nicht versteht, der soll sich seine Neujahreswünsche selbst formulieren. Ein bisschen mehr Aufbegehren der Künstler und ein weg von der Zwangssterilität, doch bitte auch keine Phrasen, dass sich im Theater noch niemand angesteckt habe, auf der Bühne noch niemand eines echten Todes gestorben sei. Hamlet war gar kein Däne und Shakespeare hat auch manches von Marlowe.

Aufhören mit Weinen um Beethovens Neunte, die kann notfalls auch zu Hause hören und jammern auf hohem Niveau. Etwas mehr Perspektiven und ja, sich wirklich Gedanken um Umwelt und Zukunft machen, notfalls auch mal für Butter tiefer in die Tasche greifen. Etwas mehr Mut, sich selber treu zu bleiben, nicht unbedingt die ganze Welt retten. Kunst darf auch einfach schön sein und sich selbst genügen, doch Gehalt und Form sind keine Feinde.

Etwas mehr Ehrlichkeit oder Konsequenz bei den eigenen Aussagen, es merkelt sich sonst wirklich auseinander in unserem geleydeten Land. Etwas mehr Farben ohne im Einheitsbrei zu versinken, die Stimme erheben, wenn es piepst und nicht singt und wenn alle klatschen, deshalb muss ich nichts beschönigen.

Etwas weniger Angst vor Zahlen und Gitterstäben, mehr Raum für das Tier und das Kind in uns und Wissenschaft darf auch mal zugeben, dass sie irrt und Gott, der darf es nicht, den darf man auch mal in der Kirche und im Dorf lassen, wenn nicht des Herzens Regung aus ihm spricht.

Einst fragte man mich, welchen Satz ich mitnehmen würde auf den Mars. Es ist eine absurde Frage, denn wer würde mich dort verstehen? Doch wenn es darum geht, worauf sich nicht verzichten lässt, dann ist es diese Weisheit: „Die »Vernunft« in der Sprache: o was für eine alte betrügerische Weibsperson! Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben… (Nietzsche, Götzendämmerung, Von der Vernunft in der Philosophie, 5)

Weihnachten mit Tucholsky

Weihnachten

So steh ich nun vor deutschen Trümmern

und sing mir still mein Weihnachtslied.

Ich brauch mich nicht mehr drum zu kümmern,

was weit in aller Welt geschieht.

Die ist den andern. Uns die Klage.

Ich summe leis, ich merk es kaum,

die Weise meiner Jugendtage:

O Tannebaum!

Wenn ich so der Knecht Ruprecht wäre

und käm in dies Brimborium

– bei Deutschen fruchtet keine Lehre –

weiß Gott! ich kehrte wieder um.

Das letzte Brotkorn geht zur Neige.

Die Gasse grölt. Sie schlagen Schaum.

Ich hing sie gern in deine Zweige,

o Tannebaum!

Ich starre in die Knisterkerzen:

Wer ist an all dem Jammer schuld?

Wer warf uns so in Blut und Schmerzen?

Uns Deutsche mit der Lammsgeduld?

Die leiden nicht. Die warten bieder.

Ich träume meinen alten Traum:

Schlag, Volk, den Kastendünkel nieder!

Glaub diesen Burschen nie, nie wieder!

Dann sing du frei die Weihnachtslieder:

O Tannebaum! O Tannebaum!

  • · Kaspar Hauser
    Die Weltbühne, 19.12.1918
  • Was könnte aktueller sein und dem hinzuzufügen?

Aktueller geht es nicht in diesen Zeiten, nicht in unseren Breiten

War es jemals anders? Das 11. Gebot ward kaum geboren

– da hat es Moses auf seinem steilen Bergabstieg wohl verloren.

In Stein gemeißelt stand: du sollst lenken und selbst denken

Draus wurde ein hölzern´verirren, verdrehen und verrenken

Nein, man soll, man darf nicht alles glauben, was die Leute sagen,

lass dir nicht einreden, was und wer du bist, lass die anderen klagen.

Aber sind wir wirklich besser, als jene, von denen Tucholsky spricht?

Lämmer hier und Schlachter dort, die Welt zerfällt in Geld und hält

doch immer nur, was man daraus macht – Macht der Gierigen, der Schweiger

Die im Hintergrund die Fäden ziehen, drehen an des Uhren virtuellen Zeiger

Die Tropen und die Meere, die hätten Weihnachten nötig gar bitterlich

Wir kaufen und ersaufen sie im Galopp, kein Don Quichote der da ritterlich

Einsteht für den Kampf mit Windmühlen, getarnt als Killer-Viren

Aber so lange Dummheit und Furcht regieren, darf man sich konservieren

die frommen Wünsche, den Mut und die Lust auf Leben, den Salat

Glyphosphat scheint zu schad für die Saat, Rat zu teuer für die Tat.

Leise vergeht das Jahr; eine Gelegenheit für Morgen und mehr Natürlichkeit

Leise vergeht das Jahr ohne Schnee,

Vergebliches Hoffen, dass Corona vergeh,

Weihnachtlich schweigt der Blätterwald:

Freue Dich, drinnen ist warm, nur draußen kalt.

In den Herzen und Köpfen soll es funkeln

Gleich was Regierungen munkeln,

Nutz die Gelegenheit, söhne dich aus

Schreib einen Brief, der verlässt dein Haus.

Kein Groll mehr in der Nacht

Chor der Versöhnung erwacht;

Überwinde die Furcht und es schallt:

Lächeln im Geben, Danke im Nehmen schon bald.

Auf diesem Weg, alle die meinen blog lesen, frohe gesunde Weihnachten. Fröhliche auch, denn Humor ist, wenn man nicht in den Keller muss, um zu lachen.

Die Philosophie schweigt meist zu dem christlichen Fest und die Messe über den Konsum ist bereits gesungen. Auch wenn man es nicht oft genug wiederholen kann wie alles Wahre, Gute und Wünschenswerte, dass es gut tut, zu verzeihen, zu umarmen und zu lieben: du musst es schon selbst machen, damit es wirklich wirkt. Manchmal genügt auch eine gedankliche Umarmung. Ja, auch Gedanken haben ihre Wirkung und sind auf ihre Weise Taten. Und ja, es ist ein Anlass, sich dessen bewusst zu machen, was da ist, in die Fülle zu gehen, deine eigene als auch die der Um- und Mitwelt. Der Weihnachtsmann hat auch einen Wunsch: gründlich an die Umwelt denken im Sinne von Jonas Prinzip der Verantwortung. Handle so, dass du auch morgen noch die Welt umarmen kannst und nicht schlechter zurücklässt, als du sie vorgefunden hast.

Wir alle können uns denken, dass es Menschen gibt, die einsam sind, besonders an diesem Tag ihr Alleinsein verspüren. Philosophen, wenn sie nicht christlich orientiert sind, fragen sich, weshalb Weihnachten nicht alle Tage sein kann. Solche, die christlich nach den Geboten der Liebe und Fürsorge handeln ohne in die Kirche zu gehen natürlich auch. Vielleicht ist die Antwort einfach, weil es die bestimmten Momente braucht, in der wir über uns hinauswachsen und besinnlich werden können, im Herzen etwas offener für Versöhnung, Gnade und Frieden.

Gnade kommt von natürlich, also für die Natur. Das geht unter dem C. Thema oder Schmucklast verloren. Die Natur fängt bei frischer Luft an und hört beim Baum nicht auf. Warum nicht den Feinstaub dieser Erde reduzieren? Oder Amazon dazu bringen, dass sie jeden Gewinnanteil in den Amazonas schicken zum Erhalt des Regenwaldes, ohne den es bald keinen Tannenbäume mehr geben wird (Entropie, Klimawandel) Vielleicht bedarf es etwas Kitsch oder Glitter, in manchen Fällen einen Braten oder Kinderlachen, raschelndes Geschenkpapier (ohne Plastik), ein gemeinsam gesungenes Lied, vor allen in Zeiten der Entbehrung. Manche sehen sich nur am Weihnachten, andere können nur da über ihren imaginären Schatten springen und ganz viele erinnern sich dann an die guten Erlebnisse aus der Kindheit mit Opa und Schnee, Oma und Eierlikör, dergleichen gibt es, sogar für Verstandesmenschen und Misanthropen.

Ermöglicht die Zeit der Engel und Christi Geburt eine Erkenntnis? Ja, wenn man von allen zynischen Bemerkungen einmal absieht, dass Esel und Ochse die ersten Zeugen neuen Leben waren und Maria keine Jungfrau. Die erste Erkenntnis: Wunder oder ähnliches, sagen wir: unerklärbare Dinge, freudige Ereignisse, die nicht zu erwarten sind, können geschehen. Rechne mit allem, selbst etwas Gutem. Zweitens: wir können allem einen Sinn verleihen, selbst wenn die Nacht düster, kalt und leer erscheint. Drittens: Bräuche und Rituale sind archaisch, von der Evolution gewollt, ob Gottesgeschenk oder nicht: sie sind gut für die Seele und bieten einen äußeren Anlass für die Katharsis, die Seelenreinigung.

Jeder Mensch hat Anteil am göttlichen Funken. Gewiss, auch diese Einsicht hat einen Bart, schon Meister Eckhard formulierte sie, doch das geschah zu einer Zeit, als Philosophie und Glauben, ja sogar Religion noch nicht geschieden waren, nicht einmal die Trennung in Erwägung zogen, also im Mittelalter. Hegel spricht immerhin von der Menschwerdung. Er ist ein gutes Beispiel für rationales Denken, das durchaus einen persönlichen Glauben erlaubt, ja sogar fordert. Gefährlich wird es immer, wenn blinder Glaube, aus dem sich leicht Fanatismus entwickelt und unkritisches Denken, die Basis bildet. Um unserer selbst willen, nicht weil andere es fordern, sollten wir dienen und milde sein.

Ab und zu gehört die Einsamkeit, freundlicher formuliert, Stille, dazu. Wie sagt Nietzsche doch in Ecce Homo, Vorwort, 3 : „Das Eis ist nahe, die Einsamkeit ist ungeheuer, aber wie ruhig alle Dinge im Lichte liegen und wie frei man atmet.“ (Freilich, er kannte das Maskengebot nicht). „Philosophie, wie ich sie bisher verstanden und gelebt habe ist freiwilliges Leben in Eis und Hochgebirge – das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, all dessen, was durch die Moral bisher in Bann geraten war.“ Also traut euch. Freut euch des Lebens, jenseits aller Partys und speed-datings. Seid euer eigener Leuchtturm, das strahlt aus und steckt an. Ich verhehle nicht, ein Jünger des Dionysos zu sein. Nicht wenige wie Hölderlin erblickten in Jesus die Wiedergeburt des Dionysischen Ja-Sagenden Prinzip des Lebens, dem amor fati der Liebe.

Die Welt weihen oder retten fängt bei sich selber an. Aber nicht in dem Sinn wie er im Hyper-Individualismus missverständen wird: immer schön das Ego aufblähen, nur die eigenen Rechte und Interessen sehen, anderen nicht zuhören, sondern aushorchen. Sympathie oder Solidarität mit Andersdenkenden? Das aber lehrt die Philosophie, sie ist nicht cool, nicht immer geschmeidig, meist beschwerlich, aber nie entbehrlich. Entbehrend und nicht verzehrend. Manche nennen es Glauben, warum nicht, so wie es heißt: Wenn die Welt morgen unterginge, pflanzte ich heute noch einen Apfelbaum. Vermutlich brauchen wir alle Trost und Weihnachten liefert eine solche Atempause von Hektik und Stress (es sei denn, man macht ihn sich durch Maxime wie „das muss und das muss auch noch“ selbst). Manch ein Philosoph verzichtet aber auf metaphysische Tröstungen, er sucht das Heil im Hier und Jetzt, im Heute (denn das ist das Morgen von Gestern).

Jeder kann Freiheit. Will heißen, jeder kann sie sein oder werden. Viele verwechseln Freiheit mit Geld, Macht, Bequemlichkeit, Zugang, Haben. Das ist der Inflation der Begriffe geschuldet.  Selbstbewusstsein der Freiheit ist auch ein christlicher Gedanke. Wir alle sind frei, das schließt ein, dass wir entscheiden können, fühlen und denken, zurücknehmen, bereuen, begreifen, verstehen und vieles mehr. Wer sich nicht in Frage stellt oder bereit ist, seine vorgefassten Meinungen, sein Handeln und Urteilen zu überdenken, gegebenenfalls auch zu bereuen, ist nicht frei, sondern gefangen.

Die Weihnachtsgeschichte handelt nur am Rand von einem Kind auf Stroh, Ihr Kern liegt in der Befreiung, nicht nur von Sünde, Scham und Schuld, sondern der Neugeburt, die im Grunde jeden Tag erfolgt. Weihnachten macht etwas sichtbar wie ein leuchtender Stern über dem Stall. Überall ist etwas und sei es noch so verarmt, erkaltet, verdunkelt, was liebenswert ist und geboren dazu, frei zu sein, frei sich zu entwickeln.

Weihnachten gibt uns Anlass, ohne Sorge, Furcht oder Neid zu sein. Dann bin ich frei in meinen Wegen. Freiheit ist auch ein Virus, aber ein guter, ansteckend und resistent, mutierend und daher variabel. Freiheit hat viele Gesichter, wie Weihnachten auch, beides ist kreativ und eine Regung des Herzens.

Die eigene Freiheit endet, wo die des anderen beginnt. Daher noch ein Schlusswort zu Grenzen. Wir haben uns an Grenzenlosigkeit gewöhnt. Ins All fliegen oder einfach in Europa ohne Pass, im Zug mal schnell ohne zu packen oder zu buchen, auf der Autobahn ganz schnell zu sein. Grezenloses Wachstum, Geschenke über Geschenke, selbst solche, die nichts kosten, also Selbtverständlichkeiten. Dinge, die nicht wirklich zählen, aber zu unserer Komfortzone dazugehören: die Grenzen waren auf, die Mauer weg. Vergessen wurde, dass grenzenloser Wachstum verantwortungslos ist und Verantwortung von Freiheit nicht zu trennen.

Verdrängt wurde, dass die Mauer in manchen Köpfen blieb und das Eigene, Vertraute mitgenommen wurde auf unsere Reisen, so dass die Fremde oft fremd blieb. Übergangen wurde, dass Überholen und Rausch der Geschwindigkeit geschuldet sind, der Wahrnehmung und beides in eine Dialektik des Stillstands, der Katastrophe in Permanenz mündet. Manch einer hielt sich für einen guten Autofahrer und frei von Schuld, bis er in den Rückspiegel sah und die vielen Unfälle gewahr wurde. Mit einem Lächeln sagte er dann zu sich selbst, wie schade, dass nicht alle so gute Fahrer sind wie ich. Irgendwann wurde es einsam um ihn auf der Straße und die viele Freiheit im Tank blieb ohne Sinn. Es blieb niemand zum Überholen, niemand zum Bedauern, die Länder sahen alle gleich aus, ein Flimmern, nicht mehr.

Dafür ist Weihnachten: ein wenig Zeit zur Stille, Muse, Behaglichkeit. Eine Chance zur Einkehr und es besser zu machen, Freiheit in sich zu entdecken und vielleicht auch fürs nächste Jahr.